Seelöwe oder Robbe
Ab 26.01.2026 Neuerscheinung - Der neue Roman vom Julyanna B. Hagen
Vom gegenüberliegenden Beckenrand blinzelte ich gegen die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche und sah, wie sie sich kurz die Arme abrieb, aber ganz schön stur blieb und sich nicht weiter rührte.
Der Bademeister, mittlerweile am Sprungturm angelangt, hatte die kleineren Jungs auf den Kieker, während ich unauffällig zur Seitentreppe schwamm. Über den glitschigen Fliesen bahnte ich mir meinen Weg vorbei am kühlen Kosmos und stand diesmal links hinter ihr.
Im vollen Gekreische der tobenden Badegäste summte sie eine Melodie, die nach Vergeben und Verleben klang. Das passte ja dann zu dem, was sie gleich zu erwarten hatte. Ich wunderte mich allerdings, warum sie direkt am Beckenrand saß. Irgendwie wirkte sie unentschlossen oder auch ängstlich? Ist sie wasserscheu, hörte ich mich blubbern. Oder wollte sie ihren makellosen Teint nicht durch die Chlorbrühe beschädigen, weil sie noch ein Date hatte? Vielleicht las sie aber auch gerade ein Buch zum Thema Wasser. Vielleicht war sie eine angehende Lehrerin und bereitete sich auf den Unterricht vor? Einen Moment schreckte ich auf. Man würde der ja nie was recht machen, weil sie ja alles immer wusste. Mit Sicherheit hatte sie es verdient. Jetzt winkelte sie ihre Beine an und strich langsam mit einer Hand über ihren Oberarm. Dann klappte sie das Buch zu und verstaute es sorgsam in der Badetasche.
Es wurde Zeit für mich. Während sie ihre trockenen Haare mit einem Band zusammenschnürte, war klar, bevor sie ging, würde sie die Hauptattraktion, nämlich die fetteste Klatsche erleben. Ich nahm Anlauf zum Supertorpedo. Automatisch glitt ich anschließend mit dem verdrängten Wasser zum Boden, kugelte mich vor Glück und mimte die sinkende Titanic.
Unerwartet begrapschte jemand mein Bein. Wer? Sie? Nein! Oh je, die Cousine, die mich zur Oberfläche hochriss und mich als Flegel beschimpfte. „Wieso?“, starrte ich sie atemlos an: „Du hast doch gesagt, ich kriege Himbeer …“
„Jetzt hast du sicher deine Lektion gelernt“, gackerte sie in mein Klagen. Euphorisch schaute sie zur vermeintlichen Geschädigten, erntete bei ihr die vollste Anerkennung und dann lächelten sie sich auch noch vergnügt an.
Hätte ich doch wissen müssen, dass etwas hinter ihrem großzügigen Versprechen steckte. „Ihr Frauen seid doch einfach nur Hexen!“, brüllte ich beleidigt und watschelte wie eine heulende Robbe ab.
Etwas später klingelte es an der Haustür: „Ich bins, Hannah, mach auf, ich hab was für dich!“
Ich schlappte müde zur Tür, aber zog sie nur einen Spalt breit auf: „Du bist eine miese Verräterin...“ Ich trottete in die Küche und überlegte, wann denn mal irgendjemand zu mir kam, den ich diese fiesen Einfälle meiner Cousine erzählen könnte. Aber nichts, da war keiner.
Hannah knisterte im Flur mit der Papiertüte und dann polterte sie zu mir: „Trara, trara“, rief sie, sie schleuderte eine riesige Eispackung auf den Tisch und ein Glas mit roter Creme, die aussah wie Himbeeren.
