Punta Sicilia - Eine Begegnung

Dieser Bus würde mich zu einem der schönsten Landstriche Siziliens bringen. Ich hatte die schattige Rückbank gewählt und genoss die Aussicht zum Meer, zu den schroffen Klippen, dem feinen Strand mit den frei laufenden Pferden und den abgelegenen Buchten, die sich wie kostbare Geheimnisse an die Küste schmiegten. Seltsam, mein Blick wanderte immer wieder zum Rückspiegel der Fahrerin. Etwas an ihr fesselte mich, obwohl sie kaum mehr als eine Silhouette im Glas war. Ihre Bewegungen waren fließend, fast katzenhaft, und ihr Gesicht wirkte entspannt, als würde sie mit jeder Kurve eins mit der Straße werden.
Die letzten Gäste verließen nach und nach den Bus, winkten ihr zu, verabschiedeten sich auf Italienisch, manchmal auch auf Deutsch. Schließlich war ich die Einzige, der noch übrig blieb. Da schnippte sie mit Daumen und Zeigefinger und bedeutete mir mit einem freundlichen Lächeln, nach vorn zu kommen.
Als ich mich neben sie stellte, atmete ich unauffällig ein, ein dezentes Parfum, blumig mit einer Note von Moschus, vermischt mit dem leicht salzigen Duft der Fahrt, die durch das offene Fenster ins Fahrzeug drang. Das Aromagemisch war, wie soll ich sagen, unmissverständlich sexy. Sie zeigte zum Ausstieg, doch ich schüttelte den Kopf.
„Hier noch nicht“, sagte ich, „aber vielen Dank, dass Sie nachfragen.“ Ich nannte ihr mein Ziel. Bella Mare.
Sie verzog das Gesicht. „Nein, tun Sie das nicht“, sagte sie mit plötzlicher Schärfe. „Die Strände von Bella Mare sind eine Enttäuschung. Nur der Name klingt prachtvoll. Oder haben Sie dort eine Verabredung?“ Als ich verneinte, hellte sich ihr Blick wieder auf. „Gut. Ich kenne einen besseren Ort. Ich pausiere dort manchmal. Punta Sicilia. Kommen Sie mit. Es wird Ihnen gefallen.“
„Wie ist dein Name?“ Die Frage war mir fast herausgerutscht.
„Cara“, antwortete sie ohne Zögern.
„Ich bin Frederike.“
„Eine Anlehnung an den Staufer?“ Ihre Stirn legte sich in kleinen Falten und es war nicht die Sonne, die blendete, sondern sie bemühte sich, mir zu gefallen, indem sie meinen Vornamen mit dem bedeutungsvollen Herrscher verband.
„Schön. Wirklich, gefällt mir.“
Mir gab es einen Stich, sie hatte mein Herz getroffen.
Die Straße wand sich weiter durch das hügelige Land, gesäumt von knorrigen Olivenbäumen und weiten Feldern. Cara sprach lebendig über ihre Familie, ihre Heimat, lobte den lokalen Wein und scherzte unverblümt über die blonden, schönen Frauen aus Germania. Es klang neckend, aber auch interessiert. Ich mochte ihre Art, direkt, aber nie unhöflich. Offen, aber mit einem Hauch von Stolz, der ansteckend wirkte. Plötzlich deutete sie mit ausgestrecktem Arm nach vorn. „Dort! Der Himmel, dieser Strand!“
Sie stoppte den Bus, zog mit einem Ruck den Schlüssel ab und nahm meine Hand, um mich zum Ausgang zu führen. Ihre Berührung war fest, aber nicht grob. Auf dem sandigen Weg folgten wir den Hufspuren der Wildpferde, die sich in die feuchten Stellen des Bodens gegraben hatten, bis wir schließlich das Wasser erreichten.
„Komm mit“, rief sie, der heiße Wind zerrte an ihren Kleidern. Cara hatte alles für einen Strandtag dabei: ein großer, bunter Sonnenschirm, Strandmatten, Wasser, Brot, Wein und zwei elegante Gläser aus Kunststoff. Sie breitete alles mit einer Selbstverständlichkeit aus, als würde sie diesen Ort schon ein Leben lang kennen. Vielleicht war das sogar so.
Ich hielt es nicht mehr aus, sprang in die Wellen, schrie auf vor Glück, fühlte mich lebendig. Cara lachte laut und lief hinter mir her, bis sie neben mir planschte.
„Du schwimmst sehr gut!“, sagte sie, und ihre Stimme klang selbst hier draußen noch klar.
„Beim Kraulen ist der regelmäßige Beinschlag wichtig“, begann ich eine pseudo-expertenhafte Erklärung. „Das beherrsche ich perfekt, ebenso die Atmung und die kräftigen Armzüge. Was meinst du? Noch ein Schluck Wein und wir probieren das in unserer einsamen Bucht?“
Sie lachte leise, und als sich unsere Blicke trafen, blieb alles andere still. Dann küssten wir uns. Zuerst zart, neugierig. Dann hungrig. Der Sand war warm, die Sonne brannte auf unsere Haut, und das Wasser kühlte uns nur für wenige Sekunden. Ihre Hände erkundeten meinen Körper mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie mein Innerstes längst gelesen.
Auf der Strandmatte verschmolzen unsere Bewegungen mit dem Rauschen der Brandung. Unsere Körper passten wie zwei Puzzleteile zusammen. Jeder Kuss, jede Berührung war ein Versprechen auf mehr. Es war unverschämt sinnlich, gierig und doch zärtlich, als hätten wir in einem anderen Leben schon immer genau hier gelegen.
„Frauen sind für mich immer zum Verlieben“, murmelte ich in ihren Hals, „besonders die bezaubernden Italienerinnen.“ Es war glatt gelogen, ich war oft leichtfertig, eine Jägerin auf Reisen.
„Nimm mich wie der Hengst es der Stute besorgt“, flüsterte sie. Ihre Direktheit überraschte mich – aber sie war nicht vulgär, sondern kraftvoll, stolz, wie alles an ihr. Ich rollte sie in Position, bereit, jede Nuance ihres Körpers zu studieren.
Dann hielt ich inne. Ihr Blick, so tief und klar wie das Mittelmeer, verriet etwas anderes.
„Ich bin nicht hier für eine schnelle Geschichte“, sagte sie plötzlich. „Nicht ganz“, fügte sie hinzu, als ich sie fragend ansah. „Ich bin Sizilianerin. Du könntest noch mal die Welt verwandeln, dann erst wäre alles weich und gut.“
Ich verstand nicht sofort. Aber etwas in mir begann zu arbeiten. Noch während wir dort lagen, verwundert, verschwitzt und einander zugewandt, spürte ich: Es war nicht nur ein Spiel. Nicht für sie. Und vielleicht auch nicht für mich.
Wir verbrachten den ganzen Tag an diesem Strand. Sprachen über Bücher, Musik, Träume. Sie zeigte mir, wie man Wein richtig verkostet, ich erzählte ihr von meinem unsteten Leben, der Flucht in die Fremde, dem Suchen nach Etwas, das nie greifbar war. Und ich merkte, dass sie zuhörte, wirklich zuhörte. Es war ein neues Gefühl. Am späten Abend, die Sonne stand tief, und die Schatten der Felsen wurden länger, nahm sie meine Hand. „Ich muss dich zurückbringen. Meine nächste Tour startet morgen früh.“
„Wirst du mich wiedersehen wollen?“, fragte ich vorsichtig.
„Vielleicht“, sagte sie mit einem Lächeln, das alles bedeuten konnte, oder nichts.
Zwei Tage später war ich wieder am selben Ort. Kein Bus. Keine Cara. Ich wartete trotzdem. Eine Woche später kehrte ich zurück nach Deutschland. Und doch, ich vergaß sie nicht. Immer wieder sah ich ihr Lächeln vor mir. Immer wieder roch ich diesen Duft, hörte ihr Lachen.
Zwei Monate vergingen. Dann kam ein Brief. Handschriftlich. Kein Absender.
„Frederike,
du hast einen Teil von mir mitgenommen. Ich hoffe, du weißt das.
Wenn du Punta Sicilia noch einmal suchst, findest du vielleicht nicht den Ort, sondern den Moment. Ich habe dort etwas für dich hinterlassen.
Cara.“
Ich stieg im Frühjahr wieder in den Flieger. Und als ich den alten Weg entlangging, den Spuren der Wildpferde folgend, fand ich, nicht sie, sondern ein kleines, in Stoff gewickeltes Buch unter einem flachen Stein.
Ihr Tagebuch. Und darin Fotos von uns, Gedichte, kleine Zeichnungen. Und auf der letzten Seite: „Ich bin in Palermo. Ich habe meine Touren aufgegeben. Ich will jetzt jemanden führen, eine Frau, die mehr sucht als Aussicht. Komm.“
Ich wusste nicht, ob ich wirklich verliebt war. Aber ich wusste, dass ich es herausfinden musste.
 

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